ImProfil Erfurt 2013 - page 26-27

Ihr Vater gründete die Firma Hans
Glinicke vor fast einhundert Jahren.
Blicken Sie für uns zurück: Wie hat es
damals angefangen?
„Es hat alles in kleinen, bescheidenen
Verhältnissen begonnen. Ein kleines
Automobilgeschäft mit dem Schwer -
punkt auf Reparaturen, das allmäh-
lich wuchs, auch in der Zeit des
Krieges. Als mein Vater eingezogen
wurde, hatte meine Mutter den Be-
trieb aufrechterhalten und weiter
ausgebaut, bis 1944 alles durch ei-
nen Bombenangriff zerstört wurde.
Mein Vater kehrte 1946 zurück aus
dem Krieg. Wir alle krempelten die
Ärmel hoch, klopften Steine und be-
gannen mit dem Wiederaufbau. 1948
zog mein Vater in den Verhandlungen
mit Volkswagen das große Los. Er be-
kam die VW-Betriebsrechte für Kassel
und Nordhessen. Von da an ging es
nur noch bergauf.“
Seit 1957 sind Sie, bis 1968 noch
an der Seite Ihres Vaters, in der Ge-
schäftsführung tätig. Haben Sie den
Geschäftssinn von ihm geerbt?
„Das Geschäft übernahm ich von meinem Vater,
meinen Charakter hatte ich aber mehr von meiner
Mutter geerbt. Mein Vater war ein Denker und Phi-
losoph. Für den Betrieb hat er das gemacht, was
gemacht werden musste. Meine Mutter war anders,
keine Autofrau, aber eine aktive Handelsfrau. Sie
war die Seele des Geschäfts. In diese Fußstapfen
wollte ich treten.“
Sie liegen inzwischen gut 15 Jahre über dem plan-
mäßigen Renteneintrittsalter und machen nicht
den Eindruck, als würden Sie ans Aufhören denken.
„Ich mache meinen Job immer noch sehr gern, mich
stört daran überhaupt nichts. Und ich fühle mich
wie sechzig, das ist eine gute Ausgangsbasis, um
noch ein bisschen weiterzumachen. Ich baue zum
Beispiel gerade ein neues Porschezentrum in Bie-
lefeld und war dort Ende April zum Spatenstich.“
Spatenstiche gab es einige in Ihrer bisherigen Un-
ternehmenskarriere.Unter anderem auch in Erfurt
und Bad Langensalza. Was trieb Sie in den frühen
Neunzigern, zu den Zeiten des politischen Wandels,
in den Freistaat?
„Die pure Neugierde. Die Wende war auch für uns
im ‚Westen‘ ein außerordentliches Ereignis. Kassel
war plötzlich voll von Bürgern aus der Region ‚da
drüben‘. Ich wollte wissen, was ist das da hinter
Das Unternehmen Glinicke blickt 2013 auf eine 83 jährige Firmengeschichte zurück. 1930 in Kassel gegründet, ist das
Autohaus seit den 90er Jahren dabei auch in Thüringen vertreten und seither stetig gewachsen. Seniorchef Peter Glini-
cke erzählt von den Anfängen, den Erfolgen, seiner ganz eigenen Vision, von dem Schritt in den ehemals unbekannten
Osten und dass er sich auch mit inzwischen 80 Jahren noch nicht zur Ruhe setzen will.
Die Vision im Gepäck gen Osten
Fotos: Autohaus Glinicke Erfurt
der Grenze, packte meine Familie
ins Auto und fuhr dem Strom ent-
gegen. Überall standen Menschen
an den Straßen, winkten uns zu
und freuten sich, uns zu sehen. Und
schließlich kamen wir auch nach Er-
furt. Ich hab natürlich auch immer
gleich den Blick als Geschäftsmann.
Im Westen waren wir sehr einge-
schränkt, alles war reglementiert
und vorgeschrieben. Man hatte kei-
ne richtigen Entwicklungsmöglich-
keiten. Auf dieser Fahrt gen Osten
habe ich auch geschaut, wo könnte
ich die Unternehmenszelte aufschla-
gen. Erfurt schien perfekt. Die Stadt
war mir gleich sympathisch und ich
bin davon ausgegangen, dass Erfurt
die neue Landeshauptstadt wird. So
haben wir dann 1990 auf dem Ge-
lände des ehemaligen IFA-Vertriebes
in der Schlachthofstraße das Auto-
haus Glinicke Erfurt gegründet. Es
lief sehr gut an und ich begann mich
nach weiteren Standorten umzu-
sehen wie beispielsweise Bad Lan-
gensalza. Dort bauten wir dann zum
ersten Mal einen komplett neuen Be-
trieb auf, mit dem ich meine Vision
verwirklichen konnte.“
Das klingt fast ein bisschen pathe-
tisch. Wie sah diese Vision denn aus?
„Die war geprägt durch meine jah-
relange Erfahrung im Automobil-
geschäft. Die tollsten Präsentatio-
nen und Ausstellungsräume nützen
nichts, wenn die Kunden fehlen. Also
musste ich etwas schaffen, was Kun-
den anlockt, einen Frequenzbringer
finden.Der Mensch hat immer Hunger,
was lag also näher als Einkaufsmärk-
te. Ich verhandelte mit Aldi und Lidl,
habe von der Treuhand ein Gelände
gekauft und es in ein Einkaufszent-
rum umfunktioniert. Als Automann
war das für mich Neuland. Ich muss-
te nun auch ein Marktmann werden.
Aber es lief gut an, so dass ich auch in
Erfurt wieder auf die Suche ging. Hier
auf den ehemaligen Blumenkohlfel-
dern fand ich ein passendes Gelände.
Ich wollte etwas bauen, was der Grö-
ße der Stadt entspricht. Das war ein
enormer Aufwand, der viel Verhand-
lungsgeschick, auch mit den Verant-
wortlichen der Stadt, bedeutete.“
Wie kamen Sie, der Geschäftsman aus
dem Westen mit seiner großen Vision
denn an im Erfurter Rathaus?
„Ich hatte zu Beginn mit vielen Vor-
urteilen zu kämpfen. Ich musste die
Menschen davon überzeugen, dass
ich sie hier nicht ausbeuten sondern
etwas aufbauen will, dass es mir um
ehrliche Investition ging. Man war
von schlechten Erfahrungen geprägt,
hatte aus den Heuschreckenüberfäl-
len aus dem Westen gelernt. Ich habe
gegen das Misstrauen angekämpft
und schließlich Vertrauen gewonnen.
Das war aber nur der erste Schritt.
Auch der eigentliche Bau des Thü-
ringer Einkaufszentrums war eine
Herausforderung. Es ging um ein In-
vestitionsvolumen von 110 Millionen
D-Mark, das hat mich kleinen Han-
delsmann überfordert. Ich wollte das
damals zwar allein machen, bin im
Nachhinein aber froh, dass das nicht
geklappt hat und ich Anteile für den
Markt abgeben musste. Da waren
dann Leute am Werk, die sich auf die-
sem Gebiet wirklich auskannten.“
Eröffnet haben Sie den Markt auf dem
Gelände in der Hermsdorfer Straße
vor fast zwanzig Jahren. Seitdem gab
es immer wieder Erweiterungen. Ist
da ein Ende in Sicht? Rundherum
gibt es inzwischen schließlich keine Blumenkohl-
felder mehr.
„Es wird wirklich eng auf unseren 27.000 Quadrat-
metern, gerade was das Autohaus angeht. Unsere
Gebrauchtwagen zum Beispiel mussten umziehen
auf ein Grundstück gegenüber, um dem Audizent-
rum Platz zu machen. Die einzelnen Autohersteller
drängen auf Exklusivität und wollen eigene Auf-
trittsflächen und Markentrennung. Außerdem wird
es auch im Einkaufsmarkt Veränderungen geben.
Die Händler dort brauchen mehr Fläche. Ich habe
natürlich die Grundstücke rund um uns herum im-
mer im Blick.“
Wo sehen Sie für Glinicke Verbesserungsbedarf?
„Wir sind im Großen und Ganzen sehr zufrieden.
Die Marke Peugot läuft gerade nicht so gut. Aber
ich bin mir sicher, dass wir auch diese Durststrecke
gut überstehen. Wir haben im Jahr 2012 die Um-
satzgrenze von 400 Millionen Euro überschritten
und haben inzwischen über eintausend Mitarbei-
ter, das sind gute Größen, die wir halten wollen.
Verbessern wollen wir uns vor allem im Einzelkun-
dengeschäft und damit verbunden in der Kunden-
zufriedenheit. Wir wollen bis 2015 der Mobilitäts-
partner Nummer eins werden.“
Ist auch die E-Mobility für Glinicke ein Thema?
„Natürlich befassen auch wir uns damit. Wir wer-
den uns dem Bedarf an E-Tankstellen anpassen.
Wir sind hier am Standort Pilotbetrieb im Bereich
Elektromobilität. Demnächst werden zwei Tank-
stellen entstehen, wir werden zu den ausgewähl-
ten VW-Standorten in Deutschland gehören, die
das haben.“
Der Autohauskunde von heute ist nicht mehr
wie der Autohauskunde von vor zwanzig Jahren.
Das Alter der Neuwagenkäufer geht nach oben
und die Haltedauer steigt. Wie kritisch sehen Sie
das?
„Die jungen Menschen legen momentan nicht so
viel Wert auf einen Neuwagen oder überhaupt ein
eigenes Auto. Man teilt sich eines oder greift auf
Mietwagen zurück, das ist sicher ein
Trend, der für uns eher kontraproduk-
tiv ist, aber das muss man beobach-
ten.“
Was meinen Sie, wie wird Glinicke in
zehn Jahren aussehen?
„Wo es sich ergibt, werden wir noch
weiter expandieren, wie gerade in
Frankfurt mit Jaguar und Landrover,
da werden wir im zweiten Halbjahr
Seniorchef Peter Glinicke und der Geschäftsführer von Glinicke Erfurt,
Bernd Friedrich, im Gespräch mit Jürgen Meier, Geschäftsführer des Fachverlags Thüringen.
Erfurt, ich liebe diese Stadt und fühle mich. hier einfach richtig wohl.
Die Menschen sind so freundlich und hilfsbereit.
2013 eröffnen. Ich bin immer noch
sehr umtriebig. Langsam machen
liegt einfach nicht in meiner Menta-
lität.“
Was sagt denn Ihre Familie dazu, dass
sie immer noch so viel beschäftigt
und unterwegs sind? Werden Sie als
Ehemann, Vater oder Opa nicht ver-
misst?
„Meine Kinder sind alle erwachsen
und haben ihre eigenen Familien.
Und meine Frau, nun ja, wenn man
mit so einem wie mir verheiratet ist,
muss man sich darauf einstellen, dass
man sich seinen eigenen Dunstkreis
aufbaut. Sie hat sich auch selbst im-
mer viel engagiert, wie jetzt bei ei-
nem Kulturprojekt in Kassel. Außer-
dem nehme ich sie so oft es geht mit,
auch sie kommt zum Beispiel sehr
gern nach Erfurt.“
Was hat denn Erfurt, was etwa Kassel
nicht hat?
„Ich liebe diese Stadt und fühle mich
hier einfach richtig wohl. Ich wollte
damals auch unbedingt hierher zie-
hen, habe aber leider kein passendes
Objekt gefunden und bin so jahre-
lang täglich von Kassel nach Erfurt
gependelt. Und ich bin immer gern
hier angekommen. Die Menschen
sind so freundlich und hilfsbereit.
Hier ist weniger Ellenbogen und da-
für mehr Herzlichkeit, die wirklich
ehrlich ist. Das habe ich auch bei den
Mitarbeitern festgestellt. Auch denen,
die von woanders zuziehen, sage ich
immer, hier werdet ihr euch wohlfüh-
len, auch mit euren Frauen und Kin-
dern.“
Das Gespräch führten Jürgen Meier
und Manuela Müller
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